Ja, Gott ist erlebbar!

Ja, Gott ist erlebbar. Dass er in meinem Leben real ist und eingreift, habe ich immer wieder erlebt. Meine Eltern sind beide gläubige Christen, allerdings würde ich nicht sagen, dass ich in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen bin. Zumindest nicht in dem, was man allgemein unter einem christlichen Elternhaus versteht. Meine Eltern haben sich schon immer gestritten, so lange ich denken kann. Tagsüber flogen die Fetzen, und nachts die Teller gegen die Wände. Immer wieder haben sie angekündigt sich scheiden zu lassen, doch getan haben sie es dann doch nicht.

Also nahmen meine beiden jüngeren Brüder und ich die Androhungen schon nicht mehr ernst. Aber es tat trotzdem weh. Wir hatten trotzdem Angst und es war jedes Mal schrecklich sich entscheiden zu müssen mit welchem Elternteil wir mitgehen wollten. Mein Vater war nicht oft zuhause und zu meiner Mutter hatte ich immer ein eher schlecht als rechtes Verhältnis. Trotzdem waren sie Christen, gingen jeden Sonntag mit uns in den Gottesdienst und mein Vater war in einer leitenden Position unserer Gemeinde. Ich habe schon als Kind gewusst: wenn Christsein so ist, wie meine Eltern mir das vorleben, dann verzichte ich lieber darauf. Das passte für mich einfach nicht zusammen mit ihrem Verhalten. Trotzdem habe ich an Gott geglaubt und hatte als Kind eine enge Beziehung mit ihm.

Dann kam der Tag an dem sie ernst machten. Ich war 14 und kam gerade von einem Jugendcamp aus Spanien zurück. Meine Brüder und ich sollten ins Wohnzimmer kommen. Da saßen meine Eltern und erzählten uns, dass sie sich haben scheiden lassen und dass mein Vater bereits ausgezogen ist. Das saß. Ich fühlte mich total hintergangen. Sich einfach zu trennen, während ich im Urlaub bin.                        

Und ein Übel kommt selten allein: kurz vor meiner Abreise bin ich sexuell missbraucht worden. In Spanien habe ich das völlig ausgeblendet, als wäre es nicht passiert. Aber jetzt, wo ich wieder zuhause war und meine Eltern sich trennten, waren die Bilder plötzlich wieder da. Aber keiner mehr mit dem ich darüber reden konnte.

Mein Vater war ja weg, heiratete sehr schnell eine andere Frau und meine Mom wurde wegen der Scheidung schwer depressiv, so dass sie uns Kinder gar nicht mehr richtig wahr nahm. Also biss ich die Zähne zusammen. Ich versuchte das ganze einfach zu vergessen. Ich kümmerte mich so gut ich eben konnte um meine jüngeren Brüder und versuchte irgendwie mit dem Haushalt zurecht zu kommen, denn meine Mom war jetzt wieder berufstätig. Ich war schließlich die Große, die bis jetzt immer alles auf die Reihe bekommen hat, also musste auch das gehen. Aber lang hielt ich des nicht aus. Ich wollte einfach nicht mehr daheim sein, so schlimm war es dort für mich.                  

Ich unternahm in dieser Zeit auch einen Selbstmordversuch, weil ich wollte dass meine Mom endlich sieht wie schlecht es mir geht. Aber sie merkte es nicht...

Also war ich so selten wie möglich zuhause. Stattdessen fing ich an nächtelang durch die Münchner Clubs zu ziehen. Ich kam mir unglaublich cool vor, da ich ja erst 15 war, aber nie Probleme mit Ausweißkontrollen oder dergleichen hatte. Ich ertränkte meinen Schmerz in Alkohol und hatte laufend wechselnde Liebschaften mit zum Teil viel älteren Männern. Ich kann sie gar nicht mehr zählen, aber hier bekam ich die Aufmerksamkeit die ich sonst nicht bekam. Hier wurde ich bewundert und gesehen. Und es tat mir so gut geliebt zu werden, zumindest glaubte ich das damals. Ein Jahr lang lebte ich so, schleppte mich von Wochenende zu Wochenende und lebte nur Freitag und Samstag nachts so richtig. Dabei war für mich aber immer klar, dass es Gott gibt, dass ich zu ihm gehöre und dass mein Leben nur mit ihm gelingen kann. Darüber, dass mein Lebensstil dazu nicht passte, machte ich mir keine Gedanken.

Im Sommer ging ich dann auf ein christliches Missionscamp für Jugendliche mit. Hier wurde mir schlagartig klar, dass ich mich und andere Menschen in meinem Umfeld kaputt mache mit meinem Verhalten. Ich erkannte, dass meine Sehnsüchte nicht gestillt, sondern nur übertüncht worden waren. Da war er wieder, dieser unglaublich große Schmerz, den ich nicht ertragen konnte und den ich versucht hatte mit allen Mitteln zu verdrängen. Er war immer noch da, schlimmer als vorher.                        

Ich realisierte,  dass meine Discozeit alles nur noch schlimmer statt besser gemacht hatte. Ich nahm endlich wahr, was ich eigentlich die ganze Zeit schon gewusst habe: das war keine Liebe, was ich da bekommen habe. Es war ein Spiel, bei dem sich beide Parteien gegenseitig zu nutzen machten. Ich bekam scheinbar wonach ich mich sehnte, Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und ich bezahlte im Gegenzug mit „Naturalien“ dafür. Niemandem war es dabei um die andere Person gegangen, es ging immer nur um die Stillung der eigenen Bedürfnisse. Und so ist Liebe nicht.    

Ich merkte: ich muss mich entscheiden einen neuen Anfang mit Gott zu machen, denn er war und ist der einzige, der mir helfen konnte.  Und ich wusste, ich muss ihm alles geben: allen Schmerz, alle Enttäuschung, all meine Fragen, alles Versagen, meinen ganzen großen Scherbenhaufen vor dem ich stand und der sich mein Leben nannte. „Aber will er das denn? Was will Gott denn mit dem ganzen Schrott?“ fragte ich mich. „Das ist meine Sache.“ sagte er „Vertrau mir nur, ich werde etwas daraus machen, das 1000mal besser ist als du dir es je vorstellen kannst.“

Ich hatte große Angst davor, was passieren würde, wenn ich mein Leben in Gottes Hände lege. Ich wusste ich würde viel verlieren, meinen Lebensstil, viele Freunde, die künstliche Welt, die ich um mich herum aufgebaut hatte, das wusste ich. Aber ich hatte die Hoffnung, dass es sich lohnen würde, also zog ich es durch. 

Und es hat sich gelohnt. Bis heute kann ich sagen, dass das die beste Entscheidung meines Lebens war, ganze Sache mit meinem Gott zu machen. Denn nur bei ihm fand ich, was ich und wir alle so sehr brauchen: Liebe, Annahme, Heilung, Antworten... Und vor allem Frieden und Ruhe für meine aufgewühlte und gehetzte Seele.

Wenn du mich heute kennen lernen würdest, würdest du nicht glauben, dass diese Geschichte meine ist, weil Gott so viel an mir getan hat. Er hat so vieles verändert, dass ich manchmal  selbst nur staunend dastehen kann und ihm danke für seine Liebe und Großzügigkeit mir gegenüber.

Sicher, so eine Vergangenheit prägt und ich habe immer noch manche Probleme damit. Aber immer wenn ich denke, dass mir alles über den Kopf wächst und ich das alles nicht mehr tragen kann, dass es einfach zu viel ist, dann sagt Gott mir die Verheißung, von der ich schon so oft erfahren durfte, dass sie wahr ist:

„Denn die Berge mögen weichen und die Hügel wanken, aber meine Gnade wird nicht von dir weichen und mein Friedensbund nicht wanken, spricht der Herr dein Erbarmer.“ (Die Bibel, Jesaja 54,10)